Runter vom Tempo!


Gestern vor genau einem Jahr haben wir diesen Internetauftritt erstellt und zur Erinnerung unseren ersten Beitrag nochmals eingestellt. Viele Themen, die wir in diesen 12 Monaten angerissen haben, sind heute noch genauso aktuell. Man könnte jeden Beitrag nach vorn ziehen. Das kann aber der neugierige und interessierte Leser selber tun. Welche Wirkung hat so ein kleiner Auftritt über die Tischgrenzen unseres niederbayerischen Gesprächskreises hinaus?  Täglich wird er mittlerweile 300 bis 1000 mal angeklickt, das ist im weltweitem Netz nicht viel. Es könnte aber doch sein, daß der eine oder andere sagt, hier bei uns in Flensburg oder Konstanz machen wir es denen in Niederbayern nach oder einfach noch besser. Wir würden uns freuen. Wenn uns dann eine Frau Anne B. aus Wunstorf-Großenheidorn folgenden kleinen Text per Email zuschickt:

Runter vom Tempo!

Auch das ist Heimat! Runter vom Gaspedal, runter von der Autobahn bei Hannover, Abfahrt Kolenfeld, hin zum Steinhuder Meer und dort bei Steinhude an der Strandpromenade die Autobahnraserei mal für eine Stunde abschütteln. Ich schaue fast täglich Ihre Beiträge an und habe auch mit meinen Freundinnen schon das ein oder andere Thema diskutiert. Es muß nicht immer gleich Sylt sein, schauen Sie sich diese Aufnahme vom Steinhuder Meer an, ein Kleinod gleich neben Hannover!

Vielen Dank für diese Zusendung! Heute haben wir schon Zugriffe aus Ungarn, USA, Neu Seeland, Finnland und Brasilien neben denen aus Deutschland und Österreich. Der Dienstleister WordPress bietet da täglich eine interessante Statistik an. Leider wissen wir bei der Ländernennung nicht aus welchen Regionen wir angeklickt wurden. Durch das persönliche Anschreiben von Anne B. wissen wir aber nun, daß wir auch Freunde  in Großenheidorn haben.

Selten müssen wir bei der Freigabe der Kommentare der Leser zu unseren Beiträgen eingreifen. Die Stellungnahmen übertreffen sehr oft das Niveau unserer, in der Regel kurzen, Beiträge. Besonders beachten sollte deshalb der Leser die Kommentare von „Suum Cuique“. Auch verweisen wir immer wieder auf die bemerkenswerten Aufsätze von Gerhard Bauer.

2 responses to this post.

  1. Posted by Suum Cuique on 27. August 2012 at 16:22

    Zunächst einmal, lieber rundertischdgf, danke für die lobende Erwähnung.

    Auf den Monat genau vierzig Jahre ist es nun her, daß der Schreiber dieser Zeilen, 18 Jahre jung und sich auf den bevorstehenden Wehrdienst – und damit den „Ernst des Lebens“ einrichtend – eine letztes mal eine jugendliche Freiheit gönnte, die einen prägenden Eindruck hinterließ. Ausgerüstet mit einer Monatsnetzfahrkarte 1. Klasse (es gab damals eine stattliche Anzahl Fernzüge, die nur die 1. Klasse führten) der Deutschen Bundesbahn zum Preis von rund 700 DM ging es an die Erkundung von Deutschlands Westen. Vom Ruhrgebiet ausgehend bis an die Nord- und Ostseeküste, von Clausthal-Zellerfeld bis nach Straßburg, durch Baden nach Basel, durch Württemberg nach Oberbayern von der Zugsspitze über München, Nürnberg, Würzburg, Frankfurt und durch das Rheintal wieder zurück. Es war etwas Besonderes auf diese Weise ein Land – das eigene Land – kennenzulernen. Ein Wermutstropfen dabei allerdings war, daß die Reise sich nur auf den deutschen Westen beschränkte. Was heute für den Bundesrepublikaner wohl kaum noch glaubhaft erscheinen mag, war allerdings auch die Tatsache, daß die Deutsche Bundesbahn damals in allen Zügen – auch den internationalen – stets Streckenkarten aushängen hatte, die das gesamte deutsche Eisenbahnnetz darstellten. Niemand nahm damals wohl daran Anstoß, daß die Deutschen in ihrer Alltagswelt immer noch an der Einheit ihres ganzen Landes festhielten. Andere Völker taten dies ja auch ganz selbstverständlich.
    Nicht nur in diesem Punkt hat sich in Deutschland viel verändert. Die Horizonte damals waren frei von Windrädern. Die Menschen sprachen ein farbenfrohes, noch stark dialektgeprägtes Deutsch. Die Zersiedelung der Landschaft war noch nicht so weit fortgeschritten. Ja, manche Bahnstrecken boten ein geradezu majestätisches Landschaftsbild. Und die Architektur: Straßburg, Baden-Baden, Heidelberg, Würzburg, Kassel-Wilhelmshöhe und Bayreuth. Bauliche Anlagen, die in weitläufige Parks und dann in eine wunderbare Landschaft übergingen. Gleichzeitig war das menschliche Schaffen noch längst kein Objekt musealer Konservierung. Der Bahnreisende begegnete gigantischen Industrien, und mittelständischer Gewerbefleiß war noch direkt in den Städten angesiedelt. Im städtischen Lebensalltag unterschied sich der Norden vom Süden noch recht eindrücklich. Straßencafés waren recht selten. Zum damaligen „deutschen Wesen“ gehörte es noch, „keine Zeit“ zu haben. Ein Gespür für eine neue „Industrie“, den Tourismus, war noch nicht entwickelt. Der Eintritt in den Museen mit ihren reichhaltigen Kunstschätzen war meist gratis. Viel Bemerkenswertes bot sich dem Interessierten eher versteckt dar und harrte einer breiteren Entdeckung.
    Das Leben Anfang der siebziger Jahre war nicht museal; es war gegenwartsbezogen. Die kleinen Häfen an der Nordsee z. B. hatten noch regen Schiffsverkehr. Es wurde unablässig ent- und beladen. Die Speicher und Bahnanschlußgleise wurden fleißig genutzt.
    An allen Stellen in Westdeutschland wurde ständig gearbeitet. Stets rumpelten lange Züge von Gepäckkarren über die Bahnsteige der Bahnhöfe. Überall ein eiliges Kommen und Gehen. Unglücklich wirkte dabei niemand. Arbeit muß den Menschen damals auch so etwas wie Lebensfreude bereitet haben. Die Menschen überall waren stets freundlich, aber die heute so oft anzutreffende routiniert zur Schau getragene Servilität gab‘s damals noch nicht.

    Dem Schreiber dieser Zeilen, der nun nach Jahrzenten der Abwesenheit wieder in Deutschland ist, sind merkliche athmosphärische Unterschiede aufgefallen. Wie in kaum einem anderen Lande Westeuropas, war das Leben der Menschen in Deutschland einst arbeitsorientiert. Heute ist es eher freizeitorentiert. Aber das scheint die Deutschen nicht glücklicher gemacht zu haben. Das Leben in den Städten ist wesentlich weniger geschäftig als vor vierzig Jahren. Ja, es herrscht ein „buntes“ Treiben heute vor. Jedoch wirkt es eher gelangweilt. Eine Diskrepanz zwischen schamlos zur Schau gestelltem Wohlstand und offensichtlicher Armut, die früher nie zu bemerken war, prägt nun viele Städte. Die deutsche Sprache hat in der Öffentlichkeit an Vielfältigkeit, Ausdruck und Liebenswürdigkeit verloren. Sie ist ein Idiom unter vielen in deutschen Städten geworden. Dank der Förderung des Automobilverkehrs wurde den Deutschen der öffentliche Raum in den Städten und wohl mehr und mehr auch auf dem Lande genommen. Die Deutschen haben, was vor vierzig Jahren als mit Recht reaktionär galt, die Klassengesellschaft wiederentdeckt. Die Mittelschicht – oder sollte man besser sagen, das Mittelmaß (?) – kapselt sich ab in Blech und Beton. Die Städte haben die Deutschen ihrer „kulturellen Bereicherung“ und der mit perfidem Eifer künstlich geschaffenen neu definierten Unterschicht, die sie „Prekariat“ nennen, überlassen. Wie ein Leichentuch hat sich eine gewisse Morbidität über Deutschland gelegt, die man sonst nur bei jahrhundertealten Kulturen erwartet. Deutschland hat sich sehr verändert in den letzten vierzig Jahren. Deshalb ist es zu etwas Wertvollem geworden, für einen Monat vor vierzig Jahren einmal das authentische Deutschland in seiner zur damaligen Zeit möglichen ganzen Bandbreite erlebt zu haben.

    Da es noch Inseln eines authentischen Deutschlands in der Bundesrepublik gibt, sind Informationen darüber wertvoll – und verschaffen diesem Forum auch einen besonderen Aspekt. Deshalb weiter so.

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