Heimat? Wohin geht die Reise? Haben wir überhaupt noch eine Wahl?


Unser Leser S.C. schickte uns zum Thema „Heimat“ diesen Beitrag! .

Daraus diese Leseprobe. Klicken Sie an, es lohnt sich, denText komplett zu lesen:

Die Fotos, entstanden im Jahre 1977 am Nordrand der Bergbaustadt Recklinghausen im Ruhrgebiet. Hier begann einst, vom Ruhrgebiet ausgehend, die anmutige münsterländische Parklandschaft, sich rund hundert Kilometer nach Norden erstreckend mit Münster im Zentrum. Lange Alleen, einsame Gehöfte, malerische Burgen und Schlösser, kleine Bauernschaften, Dörfer und Städte prägten das Landschaftsbild auch südlich der Lippe. Vom Hauptbahnhof der Ruhrgebietsstadt Recklinghausen mit der Straßenbahn in wenigen Minuten erreichbar, und die Wanderung durch eine bis dato unangetastete Kulturlandschaft konnte beginnen. Die großstädtische Straßenbahn bot gleichermaßen allen einen bequemen Weg zu Arbeit, Schule, Einkauf, Freizeit und hinaus ins Grüne für ein paar Pfennige, ja, sie führte mitten durchs Grüne. Einen heute so sprichwörtlichen elitären „Rotweingürtel“ um wenige verbliebene freie Landschaften  die  „gehobenen Wohnlagen“ für Abgehobene  gab es damals noch nicht in diesem Sinne. Alltägliches Landschaftserlebnis. Nichts im einzelnen besonderes, aber in seiner Gesamtheit doch eine von gestalterischem Willen bewußt geschaffene, bewirtschaftete, liebevoll gepflegte und gehegte Kulturlandschaft von wunderbarer Ästhetik… eine Heimat. Heute ist davon nichts mehr übriggeblieben. Die Fotostellen wird man so ohne weiteres nicht mehr wiederfinden. Autobahnen, Zubringerschnellstraßen, öde Gewerbeflächen und Einkaufszentren mit albtraumhaften Parkplatzarealen  in Zukunft auch noch die alle Proportionen des Landschaftsbildes sprengenden Windräder. Landschaften in unmittelbarer Nähe der Großstädte werden entheimatet  nicht nur in Recklinghausen.

Recklinghausen Speckhorn, 1977 (2)Recklinghausen Speckhorn, 1977

Sinsen 'Die Burg', 1977Sinsen „Die Burg“, 1977

5 responses to this post.

  1. Posted by J.H. on 12. September 2013 at 12:53

    Lieber S.C. , da ich in der Mitte des Ruhrpotts, in Wanne-Eickel, aufwuchs, dort meine Schuljahre, Lehre und Halbstarkenzeit verbrachte, kann ich mich gut in den Text versetzen. Recklinghausen war für mich und meine Freunde schon Abenteuer und Natur pur, wir sind sogar noch im Rhein-Herne-Kanal baden gegangen und dahinter die stinkende Kloake, die Emscher, die uns im Heimatkundeunterricht mal als sauberster Fluß Westfalens verkauft wurde, an dem sich noch zum ausgehend 19. Jahrhundert Wildpferde tummelten. In manchem stillgelegten Teich einer Abraumhalde entdeckten wir Frösche und Libellen, mit dem Fahrrad zum Halterner See, zur Lippe oder Marl in die Jugendherberge und im Winter in unsere „Alpen“, Meinerzhagen im Schnee, das war Spitze. Dennoch wurde die Großstadt Wanne-Eickel, wir feierten tatsächlich 100 000 Einwohner, mit ihrem berühmten Mond, nicht so richtig mein Heimat (heute ist Wanne, wie wir unsere Stadt nannten, verschwunden und heißt irgendwie Herne 1 oder 2 – was mir auch egal ist). Über diese Heimat könnte auch ich noch viele Geschichten erzählen, wie wir als Kinder in den Trümmerfeldern Cowboy und Indianer oder als Jugendliche auf den roten Ascheplätzen Fußball spielten. Nur mein Verein, SV Holsterhausen, hatte damals so etwas wie einen Rasenplatz, auswärts in Rauxel war die Pelle ab, wenn der Gegner dir ein Beinchen stellte. Neben Schalke und Dortmund gab es auch noch die heute vergessenen Vereine Westfalia Herne und SV Sodingen, die wir immer wieder auch mit unseren Vätern aufsuchten. Lieber S.C. , auch die Namen Hibernia und Shamrock sind mir ein Begriff, ein Problem habe ich aber mit 1977. Meine Familie zog wegen des neuen Arbeitsplatzes meines Vaters in ein kleines Dorf nach Niedersachsen, östlich von Hannover, bereits 1965. So idyllisch war es da schon nicht mehr im Ruhrpott, die Straßenbahnen wurden durch Busse ersetzt. Der Autoverkehr explodierte.
    Ich will hier zunächst einmal enden, denn „unsere“ Heimat wird sicherlich immer wieder hier auch als Thema auftauchen, sie ist ein weites Feld. Auch für mich, der jetzt die längste Zeit seines Lebens südlich der Isar in Niederbayern wohnt, der geborene Sachse, aufgewachsen in Westfalen, einige Jahre in Niedersachsen gelebt, dann noch in Detmold/Lippe, wird es eine Frage ohne eine endgültige Antwort bleiben.

    Für außenstehende Leser: Das Lipperland ist nicht Westfalen. Das Wappen von NRW besteht aus dem Rhein (für Rheinland), dem springenden Pferd (für Westfalen) und der Rose für das Lipperland. NRW ist eine Zwangskonstruktion der Besatzungsmächte.

    Und auch mal ein Lob an Uranus und S.C. für ihre Beiträge.

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    • Posted by Suum Cuique on 12. September 2013 at 17:24

      Sie haben, lieber H.J., an den Lokalpatriotismus der Menschen zwischen Ruhr und Emscher erinnert und ihre charmante Selbstironie. Friedel Hensch (der allerdings aus Landsberg an der Warthe stammte, hat Wanne-Eickel mit seinen „Cyprys“ in einer Weise verewigt, die keine „Gebietsreform“ austilgen kann:

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  2. Posted by Suum Cuique on 11. September 2013 at 18:50

    „Sobald die Menschen, deren Heimat in Gefahr gerät, sich bewußt machen, daß ihre Heimat unzerstörbar wird, wenn die Erfahrungsebenen für “Heimat” auch und vor allem nach “innen” verlagert werden, sind “Heimat” und alle Gefühle, die damit zusammenhängen, sehr viel besser geschützt, wenn auch nicht unangreifbar…“

    – Gegenwärtig ist es allerdings eher so, lieber ‚Uranus‘, daß die äußere Heimaterfahrung jüngerer Menschen sich immer mehr auf eine Milieuerfahrung reduziert. Der Wunsch nach einer Suche der Verbundenheit ist da – das bewies die Hilfsbereitschaft während des Hochwassers in diesem Jahr wieder einmal eindrucksvoll – allein, es fehlt vielfach an Möglichkeiten von Erfahrung und Verinnerlichung dieser besonderen und wichtigen Art der Sozialisation.
    – Wenn, wie etwa in Hamburg, ein amorpher Siedlungsbrei sich über zwanzig Kilometer weit in die Landschaft gefressen hat, gibt es nichts mehr, womit sich topographisch eine „Heimat“ identifizieren läßt.
    – Wenn es die gleichzeitige Verschiedenheit von Berufen, Handwerken und Tätigkeiten nicht mehr gibt, erlischt das Bewußtsein für die Würde des Menschen und seiner Arbeit, seiner Persönlichkeit, seinen besonderen Kenntnissen und seinem Können. Dann kommt man sehr leicht dahin, daß der Nächste nicht mehr Maurer, Goldschmied, Bergmann oder Beamter ist, dann wird er schnell nur noch als „Fan“, „Clubmitglied“, „Genosse“ oder „Nazi“ wahrgenommen. Seine beruflichen Fähigkeiten sind nicht mehr Teil eines heimatlichen Ganzen, er wird nur noch als zum Milieu gehörig oder als „Fremdkörper“ betrachtet. Die Gesellschaft „ghettosiert“.
    – Auch der Einzelne selbst bringt sich vermehrt in keine „Heimat“ mehr ein. Als „ewiger Student“, „Praktikant“, „Sozialarbeiter“, „Jobmanager“ oder „Hartzer“ schafft man seinen Mitmenschen keine Heimat. Auch hier entstehen nur noch mehr oder weniger geistlose Milieus.

    Die „innere“ Heimat ist die von Bildung und Geist. Beide müssen entwickelt werden. Das schafft nicht alleine eine Ausbildung, sondern nur ein Beruf, die damit verbundenen persönlichen Erfahrungen und das Bewußtsein für Verantwortung sowie das Sich-Erarbeiten eines analytischen und kritischen Verstandes, der über ein Milieudenken weit hinausgeht. Das ist der Weg zu einer Heimat – und zur Freiheit! Das ist, was unsere Altvorderen einst unter „Konservatismus“ verstanden.

    Im übrigen freut es mich, lieber ‚Uranus‘, Ihre Beiträge nach längerer Abwesenheit hier weiterhin lesen zu können.

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    • Posted by Uranus on 12. September 2013 at 10:41

      Ja, lieber ‚Suum Cuique‘, die Freude ist ganz meinerseits, hier auch wieder Ihre Beiträge genießen zu dürfen. Da paßt es gerade ganz gut zum obigen Thema, an dieser Stelle einmal festzustellen, daß der ‚Runde Tisch Niederbayern‘ inzwischen auch zu einem Stück Heimat für mich geworden ist, obwohl ich noch vor 15 Monaten nicht die geringste Ahnung von dessen Existenz hatte. Doch ‚Bildung und Geist‘ scheinen mir hier in einer Art und Weise vorhanden zu sein, die mich anspricht.

      Das mag natürlich auch damit zusammenhängen, daß ich als zukünftiger „Waidla“ (so nennen die Bayern die Bewohner des Bayerischen Waldes, was mitunter auch nicht ganz freundlich gemeint sein kann) meine Fühler speziell nach niederbayerischen Gepflogenheiten ausstrecke.

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  3. Posted by Uranus on 11. September 2013 at 17:29

    – Aus dieser Heimat werden die Menschen im Zeitalter der „Globalisierung“ bewußt vertrieben –

    – – – –

    Das ist für mich die Kernaussage des Aufsatzes von S.C. Allerdings ist die bewußte Zerstörung der Heimat nur dann wirklich schlimm und im schlechten Sinne erfolgreich, wenn die Menschen „Heimat“ nur mit äußeren Projektions- und Erfahrungsebenen verknüpfen. Dann haben die Zerstörer der Heimat leichtes Spiel.

    Doch es gibt Heilung und damit Hoffnung. Sobald die Menschen, deren Heimat in Gefahr gerät, sich bewußt machen, daß ihre Heimat unzerstörbar wird, wenn die Erfahrungsebenen für „Heimat“ auch und vor allem nach „innen“ verlagert werden, sind „Heimat“ und alle Gefühle, die damit zusammenhängen, sehr viel besser geschützt, wenn auch nicht unangreifbar. Angriffe auf die „innere“ Heimat erfolgen z.B. gerne durch Umdeutung sprachlicher Begriffe. Als Abwehr auf diese Art Angriffe reicht es aber schon, die Begriffe der sprachlichen Umerziehung zu lernen und sie damit zu entschlüsseln und unwirksam zu machen. Das ist auf jeden Fall leichter, als sich in der Außenwelt Baggern und Bulldozern entgegenzustellen.

    Das, was ich jetzt gerade relativ wortreich versucht habe zu erklären, kommt sehr viel prägnanter in einer Zeile eines Songtextes (englisch) zum Ausdruck, der von Marvin Gaye geschrieben und unter anderem von Paul Young interpretiert wurde:

    „Wherever I lay my hat that’s my home“

    „Wo immer ich meinen Hut ablege, das ist mein zuhause“

    Oder etwas freier übersetzt:

    „Wo immer ich auch gerade bin auf der Welt, da ist meine Heimat“

    Oder noch freier übersetzt (gefällt mir am besten):

    „Ich trage meine Heimat jederzeit in meinem Herzen“

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