Gebt dem Volkstrauertag ein persönliches Gesicht


Ernst H., regelmäßiger Teilnehmer des Gesprächskreises „Runder Tisch DGF“, fragt mich, ob ich Interesse daran habe, die 800 Seiten seines Erinnerungsbuches, gewidmet seinem Vater,  zu lesen. Der Entwurf, bestehend aus zwei dicken Aktenordner, bestehend im wesentlichen aus den Feldpostbriefen seines Vaters und den Antworten seiner Mutter. Seit der junge Justizbeamte, Familienvater aus Moosburg, eingezogen wurde, verging kaum ein Tag, an dem er nicht einen Brief nach Hause schickte. Er drückte in diesen Briefen die große Liebe zu seiner Familie aus. Sorgen, Hoffnungen, Freude auch über anstehenden Heimaturlaub wiederholten sich. Doch, ich, der diese Aufzeichnung, ein Lebenswerk seines Ernstl, wie der Vater seinen Sohn nannte, lesen durfte, war stark beeindruckt von diesem Briefwechsel. Ich habe alle 800 Seiten gelesen. Der Russlandfeldzug war in vielen Details genau beschrieben. Daraus geht das untadelige Verhalten der deutschen Soldaten hervor. Bitten an die Mutter, doch etwas Geld zu schicken, damit man sich bei den russischen Bauern frisches Gemüse kaufen konnte, unterlegen das. 1943 kam dann der letzte Brief, nicht mehr vom Vater geschrieben, daß er gefallen sei. Dem „Ernstl“ wünsche ich heute, daß er noch einen Verleger findet, der diese Dokumente eines einfachen Soldaten als Buch verlegt.

Kurt S. , sitzt neben mir beim wöchentlichen Gesellschaftstag, so nennen die Niederbayern ihren Stammtisch im Dorfwirtshaus. Er sagt mir, er sei zwar geborener Niederbayer, sein Vater sei aber Schlesier gewesen und das zeitlebens geblieben. Es hatte auch für ihn in unserem Dorf lange gedauert bis er so richtig anerkannt war, war er doch auch ein Flüchtlingskind. Als Halbwüchsigen sind ihm die alten Geschichten seines Vaters immer auf die Nerven gegangen, heute Ruheständler, denkt er darüber anders. Er legt mir ein Buch über die letzten Tage Breslaus auf den Hausstein. Sein Vater kämpfte als 16 jähriger bis zum Schluß in der Festung Breslau, die erst am 6. Mai 1945 kapitulierte, als Berlin bereits gefallen war. Sein Vater hat dieses einfache, aber sehr sachlich gehaltene Buch, mit dem Untertitel „1945: Verteidigung und Untergang von Schlesiens Hauptstadt“ wie ein Schatz gehütet. Mir fiel sofort auf, daß viele Namen, Straßen und Ortsbezeichnungen farblich gekennzeichnet waren, persönliche Begegnungen, Erfahrungen und Kameraden von Kurts Vater, der bis zu seinem Tod den Kampfeinsatz in Breslau gegen die sowjetische Übermacht mit den Worten verteidigte, „wir retteten Millionen von Flüchtlingen durch das Halten der Festung Breslau bis zum letzten Tag“. Am 7.5. 1945 geriet Kurts Vater dann in sowjetische Gefangenschaft, die er im Gegensatz zu vielen Kameraden überstand, denn er hatte das Glück relativ gut behandelt worden zu sein. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück, sein Breslau war verloren und deshalb ließ er sich in unserem Dorf nieder. Kurt S. händigte mir kürzlich zusätzlich ein Fotoalbum seines Onkels aus, der im Frühling 1943 in Russland fiel.

E.S.1943

Heute werden an so manchen Kriegerdenkmälern richtige und falsche Worte zur Erinnerung und zum Gedenken gesprochen. Für die offiziellen Redner, meistens mit einer vorgefertigten Rede, ist das alles nur noch eine Pflichtübung zum Volkstrauertag. Ich will dem Gedenken mit diesen beiden kleinen wahren Geschichten ein Gesicht geben, zur Erinnerung gehört auch dieses Bild des Grabes des gefallenen Oberjägers Erich Schönborn.

J.H.

2 responses to this post.

  1. Posted by AFD-Wählerin on 18. November 2013 at 19:11

    Zum Gedenken an unsere Toten möchte ich aus den Feldpostbriefen meines Großvaters zitieren:

    Den 12.1.1943
    (…) Seit gestern Abend haben wir nun einen kleinen Russenbunker von 1,80 x 2,50 m. In diesem hausen wir zu 5 Offizieren und 3 Unteroffizieren. Es ist eben so viel Platz vorhanden, dass wir aneinander gelehnt sitzen können. Wir freuen uns auch hierüber, denn es ist immerhin gegenüber der Außentemperatur noch viel wärmer. Die Luft ist recht eisenhaltig. Hoffentlich geht es Dir, mein Schätzi, und den lieben Kinderchen sowie den lieben Eltern weiterhin gut. Leider bin ich schon einige Tage ohne Heimatpost. Der Postverkehr ist hier recht schwierig, da wir in einem ganz schmalen Keil in die Front eingestoßen und an der Spitze dieses Stoßkeils sind. Natürlich erhalten wir unmittelbares Feuer von drei Seiten. Aber das kennen wir ja.
    Seid gegrüßt, umarmt und geküsst…

    Aus seinem letzten Brief am 20.12.1943 (3 Tage später fiel er.):

    Meine allerliebste Hilde,
    in ganz kurzer Zeit werde ich mit meiner Einheit einen größeren Stellungswechsel machen müssen. Die kurzen mir nun noch verbleibenden Augenblicke will ich schnell dazu nutzen, dich, mein Herzlieb, ganz innigst zu grüßen und dir mitzuteilen, dass es mir gut geht. Hoffentlich kann ich das gleiche von Euch annehmen. (…)

    Antworten

  2. Posted by AFD-Wählerin on 17. November 2013 at 17:51

    Ein sehr schöner und einfühlsamer Beitrag des Runden Tisches. Vielen Dank dafür.

    Antworten

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