Mein 9. November 1989


Mehrere Personen trafen sich in der Nähe von Freising und wollten ein Programm erarbeiten, wie die Deutschen aus der DDR und der BRD wieder in einem Staat zusammenfinden könnten. Angesichts der Demonstrationen in Mitteldeutschland und den Fluchtbewegungen im Herbst 1989 war es höchste Zeit, sich wieder Gedanken über die Wiedervereinigung zu machen. Diese Patrioten mit Grundsätzen aus dem Hambacher Fest von 1832 und der Paulskirche von 1848 hatten ohnehin als politisches Hauptziel die deutsche Wiedervereinigung, während alle anderen diese bereits abgeschrieben hatten. Annäherung über eine Konföderation könnte die Lösung sein. „Gespräche mit der SED, mit Kommunisten, niemals? Doch, wir sind Deutsche, hüben und drüben!“ Seit Jahren hat diese Gruppe bereits deutsch-deutsche Städtepartnerschaften initiiert. Ich selbst habe einige Kommunen angeschrieben. Hier in Niederbayern stieß ich auf wenig Verständnis. Der ehemalige Landrat von Straubing, Ingo Weiß, wandte sich hilferingend an den damaligen Innenminister Stoiber und fragte, was er damit anfangen soll. Stoiber wimmelte ab. Eine diesbezügliche Bitte an meine Geburtsstadt in Sachsen landete im dortigen Tresor, was ich erst 1991 erfuhr. Auf der späten Heimfahrt hörte ich im Deutschlandfunk, daß im Bundestag ganz spontan Abgeordnete aufsprangen und das Deutschlandlied sangen. Die Berliner Mauer war offen. Ich werde die Wiedervereinigung noch erleben, möglicherweise bin ich dann 80, erklärte ich in einer Rede den erstaunten Zuhörern in Niederbayern in den 80er Jahren. Ich wurde 43. Zuhause angekommen schaltete ich sofort den Fernseher ein. Meine Frau und ich waren mehr als ergriffen. Die Hälfte der Verwandtschaft meiner Frau, obwohl sie ein echter Niedersachse ist, lebt in der Börde bei Magdeburg, nur ein Stunde Fahrt von Salzgitter entfernt, wenn es nicht diese verdammte Todesgrenze gäbe. Ich rief meine politischen Freunde an und sagte ihnen, vergesst das mit der Konföderation: „Aus dem Ruf, wir sind das Volk, wird der Ruf, wir sind ein Volk. Niemand kann die Wiedervereinigung mehr aufhalten.“ Kohl versuchte es auch nochmals mit der Konföderation, um das Angesichts der Fakten schnell wieder im Papierkorb verschwinden zu lassen. Zwei Tage später waren mein Schwiegervater, meine Frau und ich an der Grenze bei Oebisfeld, die Mauer auf der Aller war auch hier gefallen. Wir gingen über die Brücke in die bisher besonders gesicherte Stadt. Die Grenzer der DDR hatten Blumen in ihren Gewehrläufen. Ich sagte meiner Frau, Weihnachten fahre ich zu deinen Verwandten in die Börde. Das tat ich auch. Bei Schöningen/Hüttensleben fuhr ich über einen provisorischen Grenzübergang durch zu dieser Zeit menschenleeren Orten Anhalts bis zum Zielort. In dem Kleinstädtchen angekommen, fragte ich eine zufällig über die Straße gehende Frau, wo denn die Rosmarienstraße sei. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz, du bist wohl der Mann von Ingrid (fuhr fast jedes Jahr einmal zu ihren Verwandten und immer wurde gefragt, ob sie nicht mal ihren Mann mitbringen kann – seit dem 21. Lebensjahr konnte ich die DDR aus politischen Gründen nicht mehr besuchen) und zeigte mir den Weg. Dort angekommen war die Freude groß, ich kannte sie natürlich alle, denn einzeln durften sie schon zu Familienfeiern in den Westen reisen. Eine Forelle wurde zum Festmahl mit mir geteilt. Ein befreundetes Ehepaar aus Dingolfing fragte ich, wollen wir am 13. Januar mal nach Sachsen fahren? Sie waren sofort einverstanden. Hans, unter den alten Dingolfinger auch bekannt als Caruso der Krautau, dann nehme ich aber mein Akkordeon mit. Man weiß ja nie. Noch strickten die alte SED und Stasi am Überleben der DDR. Der Kommunist Modrow wurde Ministerpräsident. In meinem Geburtshaus, ein Wirtshaus, mittlerweile enteignet und betrieben vom Konsum, hockten wir uns nieder, bestellten Getränke und Bockwurst mit Kartoffelsalat. Die Gaststube war voll, wir hatten zu diesem „Geheimtreffen“ noch eine zufällige Trabibekanntschaft aus Chemnitz und eine Spielkameradin aus meiner Sandkastenzeit und ihren Lebensgefährten eingeladen. Hans leise, soll ich ungefragt aufspielen? Mach es! Der Gaststättenleiter, strammer SED Bonze, erschrocken, aber verhindern konnte er das nicht. Die Gäste gingen mit, Tränen floßen, ein alter Mann am Stammtisch, kannst du auch Lilli Marlen spielen, das war bis heute verboten. Natürlich spielte Hans das auf. Die Kommunisten konnten uns nichts mehr anhaben. Kurz Zeit später verschwand auch das Modrowregime. Gysi machte aus der SED, zunächst die PDS und dann Die Linke.

In der Nikolaikirche von Geithain wurde ich getauft. J.H.

2 responses to this post.

  1. Posted by Michael on 10. November 2019 at 20:36

    Ein nachdenklicher, aber mit wiedersehens Freude herzlicher Bericht. So hat jeder seine Erinnerungen an diesen historischen Tag. Danke Achim

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  2. Posted by Staatsbürger on 10. November 2019 at 8:37

    Da kommen die “ linksextremen “ Heuchler in den Altparteien am 9.November wieder aus ihren Löchern gekrochen und bejubeln den Mauerfall. Waren es nicht gerade viele ihrer Vorgänger, welche eine Wiedervereinigung gar nicht wollten ?
    Jedem dieser “ widerlichen “ Lügner sollten die Worte im Halse stecken bleiben.
    Besonders sind da die Grünen und Linken gemeint, welche wohl am Liebsten eine
    “ Abordnung der verbrecherischen Antifa “ zur “ Ehrenbezeugung für ein “ verhasstes “ Deutschland aufgeboten hätten.
    Wo waren Symbole ( z.B. Nationalfahnen usw. ) am Brandenburger Tor und anderen geschichtsträchtigen Orten zu sehen ?
    Wäre wohl für die “ Schülerin “ von “ Erich Honecker “ auch nicht zumutbar gewesen.

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